Ich erwähne Erich Mühsam in meinem Buch „Entwarnung“ im Zusammenhang mit anderen Kommunisten, die von den Nationalsozialisten und den Kommunisten gleichermassen verfolgt wurden. Die Frage, weshalb Erich Mühsam und auch sein Mitstreiter Erich Wollenberg verfolgt wurden, habe ich bisher nicht diskutiert. Erich Wollenberg ist der Autor des wenig bekannten, aber bedeutungsvollen Nachkriegsberichts zum sowjetischen Propagandaapparat, „Der Apparat„. [L1069] Mit dem Studium des Buches von Erich Mühsam „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ [L1179] werden mir die Gründe offensichtlich: Erich Mühsam war ein ausgewachsener Vertreter des „kommunistischen Anarchismus„. Er hat mit seinen anarchistischen Schriften bei Nationalsozialisten und sogar bei den Kommunisten der Stalinzeit massiv angeeckt. Seine Forderung nach Abschaffung jeglicher Gewalt-, Macht- und Zentralstruktur eines Staates, ja sogar der von ihm als Ursache allen Übels bezeichnete Vaterglaube des Judentums ist in der Praxis einer lebenden Gesellschaft nicht umsetzbar und muss am labilen Charakter des menschlichen Geistes scheitern. Im Jahre 1926 trat Mühsam förmlich aus dem Judentum aus.
Der Anarchismus wird von Erich Mühsam in umständlichen, typisch langatmigen Sätzen beschrieben, wie das für alle sozialistischen Autoren seit Karl Marx üblich ist. Wer sich mit dem politischen Widersacher von Mühsams Anarchismus befasst, erkennt die gleich unrealistischen Ansätze und Widersprüche jedes Sozialismus. Der Zentralistische Kommunismus ist da in der typischen Entwicklung einer gelebten Praxis ehrlicher, wenn sich darin die menschlichen Eigenschaften wie Neid, Missgunst, Hass, Intoleranz und Selbstsucht manifestieren. Sie finden sich in jeder Entwicklung des Sozialismus mit einer an Sicherheit grenzenden Regel. Im Gegensatz dazu formuliert Erich Mühsam einen Kommunismus ohne staatliche Obrigkeit, ohne Machtgierige Funktionäre und einer Gesellschaft, die von reiner Güte und Toleranz geprägt sein soll: Die Räterepublik, wo jeder seine eigene Persönlichkeit und völlige Freiheit bewahren könne und alle Entscheidungen in sogenannten Räten gefällt würden. Schon während der Lektüre des Buches von Mühsam festigt sich die Gewissheit, dass diese autoritätslose Gesellschaft genauso wenig funktionieren kann, wie jeder auf dem Reisssbrett von Theorien entwickelte Sozialismus mit zentralen Machtstrukturen. Dazu ein Musterzitat aus dem Gedankengang Erich Mühsams:
[…]Einsatz der Persönlichkeit ist der anarchistische Weg zur Revolution, wie späterhin die Bedingung zum Siege der Revolution und endlich das Mittel zur Errichtung der staatlosen Gesellschaft und der Inhalt des Lebens im Kommunismus. Das ist der Sinn alles unmittelbaren Eingreifens durch Streik, Sabotage, Widerstand, Weigerung, individuelle oder verschwörerische Tat, dass jeder einzelne Beteiligte mit Leib und Willen dabei sein muss, dass alles was geschieht in freier Übereinstimmung der Handelnden selbst geschieht, dass keiner zentralen Leitung gefolgt wird, sondern dem selbstverantwortlichen Pflichtbewusstsein der von gesellschaftlichem Geiste erfüllten Persönlichkeit. […] [L1179, Seite 65]
Man kann sich nun die praktische Umsetzung dieses Anarchismus anschauen am Beispiel der Pro Palästina-Demonstration in Bern vom 11. Oktober 2025. Der aktivistische Mob kann sich an keinerlei Pflichtbewusstsein, Anstand oder Erziehung erinnern. Mit dem gezeigten Judenhass wurde auch jede Toleranz im Keim erstickt. Mit Vernunft oder „Persönlichkeit“ hat dieser Gewaltausbruch mehrheitlich anarchistischer Geister nichts zu tun. Erich Mühsams Anarchismus ohne autoritäre Kontrolle wird jede noch so sorgfältig vorbereitete Gesellschaft in Chaos, Unfreiheit, Gewalt und Tod führen. Mit dem anarchistischen Kommunismus haben wir hier eine weitere Form einer in der Praxis untauglichen Gesellschaftsform.
Menschen brauchen Führer und Vorbilder an denen sie sich orientieren können. Auch demokratische Gesellschaften benötigen Regeln, Obrigkeiten und Leitlinien, an denen diejenige Minderheit gemessen und gerichtet werden kann, die jeden vernünftigen Anstand, jede gelebte Toleranz und jedes Pflichtgefühl der stillen Mehrheit mit Füssen tritt.
Ja es braucht hier auf eine mächtige Instanz, die dieses unmenschliche Treiben der Anarchisten im Keim erstickt. Der Kommunistische Anarchismus von Erich Mühsam ist der wohl schlechteste Weg, den eine Gesellschaft einschlagen kann. Er muss in das absolute Chaos führen, das in seiner praktischen Ausprägung nichts anderes werden kann, als ein Unterdrückerstaat wie Putins Russland oder jede andere Form des nur in der Theorie funktionierenden Kommunismus.
